Ist weniger mehr? Audi RS 6 Avant im Fahrbericht

05.05.2013 | Christian Sauer | Testrides

Audi RS 6 Avant Drivers Club Germany

Drivers Club Germany Chefredakteur Christian Sauer schnappte sich mit dem RS 6 Avant den derzeit stärksten Audi für eine Testfahrt und war dennoch überrascht – der Neue leistet weniger als der Vorgänger – hier sein Bericht.

Das Wettrüsten der Automobilhersteller geht weiter: Längst zählt man(n) mit 500 PS nicht mehr zur absoluten Spitze der Leistungssportler, unabhängig ob in der aufsehenerregenden Form einer flachen Flunder oder „undercover“ im Gewand einer Power-Limousine respektive eines Kombis gekleidet. In diesem Segment gibt es seit Jahren einen harten Dreikampf unter den süddeutschen Premiumherstellern, der mit der dritten Generation des Audi RS 6 nun in eine neue Runde geht. BMW legte 2011 mit dem 560 PS starken M5, den es ausschließlich als Limousine mit Hinterradantrieb gibt, eindrucksvoll vor. Das bewies bereits unser Test im letzten Jahr. Mercedes-Benz konterte vor kurzem mit der Neuauflage des E 63 AMG, der traditionell auch als Kombi mit Namen T-Modell bestellt werden kann. Erstmals ist er auf Wunsch auch mit Allrad und als leistungsgesteigerte S-Version mit 585 PS statt 557 PS zu haben und bekam von uns den Titel als stärksten Business-Jets auf vier Rädern verliehen.

Bis dato gebührte dieses Superlativ dem RS 6, der in der zweiten Generation auch noch als Limousine angeboten wurde. Mit einem, vom Lamborghini Gallardo abgeleiteten, mit zwei Turbos aufgeladenen Zehnzylinder fuhr er von 2008 bis Ende 2010 zumindest auf dem Papier seinen beiden Konkurrenten davon. 580 PS und 650 Nm maximales Drehmoment waren eine Ansage, ebenso wie 4,5 Sekunden auf Tempo 100 und abgeriegelte 303 km/h Topspeed im limitierten RS6 plus. Allerdings war sein Verbrauch mit offiziell rund 14 Litern auch ein Bestwert – wenn auch im negativen Sinn – zu seiner Zeit nur noch vom M5 getoppt. Wie der BMW muss sich der neue Audi nun ebenfalls in Verzicht üben und mit acht statt zehn Zylindern begnügen. Noch erstaunlicher ist allerdings, dass der RS 6 mit 560 PS weniger Pferdchen mobilisiert als bisher. Allerdings steigt das Drehmoment auf 700 Nm, was in der Praxis eigentlich relevanter ist.

 

Das Downsizing beim neuen RS 6 wirkte sich außerdem auf den Hubraum aus, der von fünf auf vier Liter reduziert wurde. Damit unterbietet er deutlich seine beiden Konkurrenten M5 mit 5,0 und E 63 AMG mit 5,5 Liter Hubraum. Über eine Zylinderabschaltung, die Audi Cylinder on demand nennt, verfügen sie aber nicht und vielleicht liegen sie auch deshalb mit ihren offiziellen Durchschnittsverbräuchen knapp über dem des RS 6. Wie immer ist es eine Frage der eigenen Beherrschung, ob es tatsächlich bei rund 10 Liter bleibt oder ob man doch der Versuchung erliegt und das Gaspedal mehr als nur streichelt.

Darauf hat auch der, unter dem Begriff Audi ultra propagierte und vom Motorsport abgeleitete, Leichtbau nur bedingt Einfluss. Immerhin sinkt durch den verstärkten Einsatz von Aluminium das Gewicht im Vergleich zum Vorgänger leicht auf 2.010 kg. Mit zwei Tonnen ist der RS 6 natürlich kein Leichtgewicht, aber dafür bietet er als Ableger des A6 Avant auch mehr Nutzwert und Komfort als ein Sportwagen à la Audi R8. Dessen neuste und stärkste Version, R8 V10 plus genannt, holt 550 PS und 530 Nm Drehmoment aus seinem 5,2 Liter großen Zehnzylinder-Sauger. Bei den reinen Leistungsdaten bleibt er also hinter dem RS 6 mit seinem Biturbo zurück, der sich im Comfort-Modus dezent zurückhält. Weder lautstark noch bretthart trotz bis zu 21 Zoll großer Leichtmetallräder präsentiert sich der 4,97 m lange Kombi im Alltag. Einen wesentlichen Anteil daran hat sicherlich die serienmäßige Luftfederung, die insgesamt straff aber eben nicht zu straff abgestimmt ist. Wie fast alle Antriebs- und Fahrwerkskomponenten lassen sich die Dämpfer per Audi Drive Select aus dem mit feinen Details aufgewerteten Cockpit individuell einstellen und kombinieren. Wem das zu kompliziert ist, überlässt das Setup dem Automatik-Modus und fährt damit auch sehr gut.