Abarth 595 EsseEsse

21.10.2019 | Christian Sauer | Testrides

Anlässlich des 70. Geburtstages der legendären Marke fahren wir die aktuell stärkste Version und präsentieren das Sondermodell Abarth 695 70 Anniversario.

Einer der wichtigsten Namen im Motorsport zu werden, damit hatte wohl niemand errechnet, als Karl Abarth im Jahr 1908 in Wien zur Welt kam. Nach den Wirren des ersten Weltkrieges begann er als Carlo samt italienischer Staatsbürgerschaft erfolgreich mit Motorradrennen, bevor er sich ab 1949 im Zeichen des Skorpions dem Motorsport auf vier Rädern widmete. Bis 1971 fuhren die Rennwagen mit seinem Namen und Sternzeichen, allen voran die kleinen 595 und 695, mehr als 10.000 Siege im ein. Zudem stehen 133 internationale Rekorde und zehn Weltrekorde für Abarth in den Geschichtsbüchern. Nachdem sein Unternehmen 1971 von Fiat übernommen wurde, arbeitete er noch einige Jahre als Berater für den Konzern, bevor er 1979 starb. Doch seine Legende lebt weiter, erst recht seit dem Relaunch des rasenden Skorpions in 2007. Sogar eine Sonderbriefmarke wurde nun zum 70. Jubiläum in San Marino aufgelegt. Und während die FCE-Kernmarke Fiat hierzulande mit überschaubarem Portfolio nicht gerade glänzt, hat Abarth im vergangenen Jahr allein in Deutschland rund 3.500 der auf Sport getrimmten Fiat 500 und 124 Spider verkauft.

Kritisch betrachtet, hat sich der Fiat 500 seit seinem Comeback 2007 grundlegend nicht wesentlich verändert und mit einer Neuauflage ist erst beim Genfer Salon im nächsten Jahr zu rechnen. Doch bis dahin macht Fiats „Haustuner“ fleißig weiter und verwandelt den an sich zahmen City-Flitzer in einen kleinen Spaßmacher in immer neuen Variationen. Bevor wir das jüngste Sondermodell 695 70 Anniversario vorstellen, konzentrieren wir uns erst einmal auf den kaum weniger reizvollen Abarth 595 EsseEsse, was frei übersetzt „Supersport“ bedeutet. Er ist samt exklusiven „70th Anniversary Edition“ Emblemen eine moderne Hommage an das legendäre Tuning-Kit der 1960er Jahre, das vor zehn Jahren für den Abarth 500 erfolgreich „nachgebaut“ wurde.

Unter der kleinen Haube der 3,36 m kurzen „süßen Knutschkugel“ arbeitet weiterhin der Vierzylinder mit lediglich 1,4 Liter Hubraum. Dank Garrett-Turbolader und Luftfilter von BMC holen die Experten bei Abarth wahnwitzige 180 PS und 250 Nm aus ihm raus, die allerdings erst bei 3.000 Touren anliegen. Bis die erreicht sind, dauert es etwas, aber dann schlägt der Turbo-Punch kräftig zu und verpasst dem Abarth einen heftigen Tritt ins Kreuz – bis ihn kurz darauf der Drehzahlbegrenzer einbremst. Untermalt vom kernigen Sound aus den Carbon-Endrohren des Akrapovič Klappenauspuffs sprintet der leer nur knapp über eine Tonne leichte 595 EsseEsse mit der knackigen Handschaltung in sechs bis sieben Sekunden auf Tempo 100. Und die kraftvolle Beschleunigung will und will nicht aufhören … 170, 180, 190, … wenn der kleine Italiener auf der Autobahn mit über 200 km/h von hinten ankommt, staunen selbst deutlich stärker motorisierte Fahrer nicht schlecht. Die offizielle Höchstgeschwindigkeit ist mit 225 angegeben und wenn man mit dem coolen Schaltknauf nicht nur fünf, sondern sogar sechs Gänge … wir wollen es ja mal nicht übertreiben.

Zum Glück bietet der modifizierte 500 einen recht stabilen Geradeauslauf und liegt satt auf der Straße. Geht es auf kurvige Landstraßen ist kein nennenswertes Untersteuern festzustellen. Auch kommt die relativ direkte und feste Lenkung trotz den 180 PS an der Vorderachse ohne spürbar negative Antriebseinflüsse aus. Das elektronisches Sperrdifferential (TTC) für nochmals gesteigerte Fahrdynamik per Bremseingriff, kann bzw. muss dafür per Knopfdruck aktiviert werden. Die 205er Sportreifen von Michelin sorgen für Traktion – selbst im extremen Regen, wo naturgemäß besondere Vorsicht geboten ist. Im trockenen überfordert die Brembo 4-Kolben Festsattel-Bremse hinter den 17-Zöllern ein bisschen die Pneus. Beim harten Anbremsen wird der Abarth 595 EsseEsse etwas nervös und sein Heck fängt zu „tänzeln“ an. Dabei ist also Feingefühl gefragt!

Der Federungskomfort geht für ein so sportliches Auto okay. Gleiches gilt für die auf langen Fahrten mit der Zeit zu hart wirkenden Sabelt-Sportsitze mit Carbonschale, Stoff-Kunstleder-Bezug und roten Nähten. Dafür garantieren sie passend zu ihrer Optik jedoch sehr guten Seitenhalt. Ein echtes Manko ist und bleibt allerdings die suboptimale Sitzposition. Zumindest für größere Menschen sind die Vordersitze leider viel zu hoch eingebaut. Dazu kommt, dass sie nicht höhenverstellbar sind und das Lenkrad nicht herausziehbar ist. Letztgenanntes fanden wir subjektiv auch etwas groß und hätten uns einen kleineren Durchmesser gewünscht. Schön ist aus unserer Sicht die Verarbeitung mit Alcantara, Leder und Carbon – passend zu den Pedalabdeckungen aus Carbon und eben der Sitzschale aus gleichem Material. Um unschöne Kratzer zu vermeiden, sollten Kinder auf der nicht allzu großzügigen Rücksitzbank nicht dagegentreten. Erwachsene finden hier sowieso kaum Platz und nutzen die getrennt umlegbaren Sitze wohl eher, um den Kofferraum von 185 Liter bis auf 550 zu vergrößern.

Doch zurück ins Cockpit, wo neben weiterhin leider viel billigem Hartplastik inzwischen digitale 7-Zoll-Instrumente auf ihren Einsatz warten. Geblieben ist das analoge Zusatzinstrument für den Ladedruck des Turbos. Recht modern wirkt das Infotainmentsystem mit 7-Zoll-Touchscreen, Apple Carplay, Android Auto und dem optionalen Soundsystem von Beats Audio mit 480 Watt. Wer dessen kräftigen Bass und den hörenswerten Sportauspuff noch intensiver erleben möchte, kann den 595 EsseEsse auch als „Cabrio“ mit elektrischem Soft-Top bestellen. So oder mit festem Dach ist er mit rund 30.000 Euro kein Schnäppchen.

Nochmal fast 5.000 Euro teurer wird bei gleicher Leistung der auf 1.949 Einheiten limitierte Abarth 695 70 Anniversario angeboten. Die wichtigste Neuerung stellt der zwölffach verstellbare Heckspoiler für eine verbesserte Aerodynamik dar. Fiat spricht von einem „Plus an Stabilität im Grenzbereich“ und von bis zu 42 Kilogramm mehr Anpressdruck bei 200 km/h. Ein netter Gimmick ist der große Abarth-Schriftzug zum 70. Jubiläum. Außerdem gibt es für stolze 34.600 Euro eine Plakette mit der individuellen Fahrzeugnummer, die exklusive Lackierung in „Monza 1958“-Mattgrün mit grauen Akzenten und den großen Skorpion-Aufkleber auf der Motorhaube. Wer vor dem Generationswechsel im kommenden Jahr noch eins der aktuellen Sondermodelle neu haben möchte, sollte sich nicht mehr lange Zeit lassen und bald zuschlagen.