Haibike testdrive: E-Power nicht nur für Audi

30.10.2016 | Christian Sauer | Lifestyle, Testrides

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Für alle, die sich nicht das 15.300 Euro teure Audi Sport e-tron Carbon-Fully leisten können oder wollen, bietet die Winora-Marke zahlreiche weitere eBikes an. Wir haben das leichte HardSeven Carbon Pro mit kraftvollem Bosch-Antrieb getestet.

Wer sich auf der Haibike-Website das Angebot an Fahrrädern mit elektrischer Unterstützung anschaut, verliert schnell den Überblick. Mehr als 80 verschiedene Bikes beziehungsweise Varianten bietet die Performance-Marke vom deutschen Traditionshersteller Winora aus Schweinfurt an. Seit 1995 setzt man verstärkt auf den ebenso leichten wie stabilen Werkstoff Carbon für Rahmen und Komponenten. Früh wurde außerdem der sich vor einigen Jahren erst andeutende Trend zu eBikes / Pedelecs, insbesondere sportliche Modelle mit Elektroantrieb  erkannt.

Das Portfolio wird sukzessive weiter ausgebaut und zur besseren Orientierung soll die Einteilung in fünf Kategorien helfen: „Road“ mit eBikes für die Straße oder urbane Metropolen, „Allroad“ mit eCross- und eTrekkingBikes, „Offroad Light“ mit bis zu 12 cm Federweg, „Offroad Advanced“ bis 15 cm und „Offroad Extreme“ samt maximal 20 cm Federweg. Und so reicht das Spektrum von Hardcore-Downhillern, mit denen Wagemutige nicht nur schnell bergab, sondern auch ohne Lift oder Seilbahn den Berg wieder hoch kommen, bis hin zu Rennrädern und Trekkingbikes mit 45 km/h elektrischer Höchstgeschwindigkeit. Letztgenannte müssen dann allerdings ein Kennzeichen tragen und ausnahmslos Straßen statt Radwege nutzen.

 

Abseits des Asphalts dürften die ebenso schnellen Mountainbike-Modelle laut StVO offiziell (wie motorisierte Fahrzeuge aller Art) gar nicht fahren, aber in der Praxis wird es wohl kaum eine Rolle spielen. Es sind auch nur wenige Modelle und bei der Mehrheit der Modelle endet die Unterstützung sowieso bei 25 km/h. Wie sich das anfühlt, konnten wir bereits im Rahmen unseres Tests des ROTWILD R.X+ FS erleben. Trotz dieses gesetzlichen Limits, das sich gerade auf Abfahrten oder Geraden bemerkbar macht, faszinieren die Hightech-Bikes mit immer neuen Features und teils auch exorbitanten Preisen.

Mit atemberaubenden 15.300 Euro liegt das Audi Sport e-tron ganz weit vorn. Technisch basiert das auf 100 Exemplare limitierte und exklusiv über den Audi Online Shop vertriebene Fully auf dem Haibike FullSeven Carbon mit jeweils 12 cm Federweg. Wie die meisten anderen Hersteller geht Haibbike ebenfalls von der traditionellen Rahmengröße 26 Zoll weg und setzt stattdessen auf 27,5 Zoll. Im Fall des für Audi produzierten Sammlerstücks – die Winora Group baut übrigens auch Bikes unter anderem für BMW – verhelfen extrem leichte (Carbon-)Komponenten à la Shimano XTR Schaltung, Magura MT8 Scheibenbremsen, Selle Italia Flite tekno flow Sattel sowie Federelemente und XMC 1200 Spline Laufräder von DT Swiss dem Bike zu einem Gewicht von 18,2 Kilogramm. Damit zählt das Audi Sport e-tron zu den leichtesten eMountainbikes mit Vollfederung überhaupt.

Mit mehreren anderen Haibike-Modellen teilt es sich den Performance-CX-Elektroantrieb von Bosch. Dessen 250-Watt-Motor ist zentral an der Kurbel installiert, was für einen tiefen Schwerpunkt und somit für ein gutes Fahrverhalten sorgt. Dies bürgt allerdings auch den Nachteil, dass er dort nur bedingt gegen Kollisionen mit vom Boden heraufragenden Hindernissen geschützt ist. Der 500Wh starke Lithium-Ionen-Akku ist wie bei vielen eBike nicht „unsichtbar“ in das Unterrohr des Rahmens integriert, sondern quasi darauf installiert. Mit einem kleinen Schlüssel ist er gegen Diebstahl gesichert und ansonsten abnehmbar. Das bietet den Vorteil des externen Aufladens daheim oder aber auch unterwegs in Berghütten oder Restaurants, wenn das Bike draußen bleiben muss und es keine Lademöglichkeit dort gibt.

Ob der Akku nach knapp zwei Stunden wieder komplett oder viel voll er zwischenzeitig geladen ist, lässt sich entweder mit Hilfe der fünf LEDs am Akku oder per Ladeanzeige auf dem Fahrradcomputer nachvollziehen. Letztgenannter vom Typ Bosch Nyon verdient im wahrsten Sinn des Wortes seinen Namen. Nicht nur das farbige 4,3-Zoll-Display erinnert an ein Smartphone, auch die vielfältigen Funktionen samt Geschwindigkeit(en), Höhenmesser, GPS, optionaler Navigation mit per Bluetooth oder WLAN herunterladbarem Kartenmaterial sowie Fitness- und Ökoanalyse. Die angegebene Reichweite mag vielleicht irritieren, schließlich basiert ihre Berechnung doch auf Durchschnittswerten und variiert dadurch auf langen Anstiegen oder Abfahrten teilweise erheblich. Gewöhnungsbedürftig finden wir die Steuerung per Lenkradfernbedienung oder Kopfdruck direkt am Gerät. Klar – ein Touchscreen kommt wegen Fahrradhandschuhe nicht in Frage, aber ein smarteres Handling würde besser zum Hightech-Charakter passen.

Bei unserem Testbike kam hinzu, dass die Befestigung des Displays – wegen Diebstahlschutz mitnehmbar – zu leichtgängig war, so dass es bei unbeabsichtigter Berührung nach vorn rausrutschte und auf den Boden stürzte. Als weiteren Kritikpunkt müssen wir erwähnen, dass der Bosch-Motor gerade bei starker Beanspruchung alles andere als geräuschlos arbeitet. Gerade im Vergleich zum leisen Brose-Antrieb des ebenfalls von uns getesteten ROTWILD R.X+ FS fiel es negativ auf. Auch reagierte der Antrieb des Haibikes unharmonischer, was sicherlich zum Teil daran lag, dass man auf dem HardSeven Carbon Pro als Hardtail naturgemäß ungleichmäßiger als auf einem Fully in die Pedalen tritt. Da bei einem Pedelec der Elektromotor in der Regel nur dann anspringt und unterstützt, verstärkt sich der Effekt noch weiter.

Abgesehen von der grundsätzlichen Sinnfrage, die sich jedes Hardtail heutzutage bei immer besseren Federelementen stellen muss, scheint im Fall unseres Testbikes die Kombination von aufwendigem Leichtbau und relativ schwerem Elektroantrieb doch paradox. Entscheiden sich bei hochwertigen Mountainbikes doch wenn überhaupt noch fliegengewichtige Cross-Country-Racer auf der Suche nach jedem Gramm für Hardtails, kommt die Elektrounterstützung für sie zumeist nicht in Frage. Bleiben als Zielgruppe für das HardSeven Carbon also ambitionierte und technikaffine Freizeitsportler, denen die Federgabel – Fox 32 Float Performance samt 10 cm Federweg – auf Abfahrten ausreicht. Sie freuen sich bergauf dafür lieber über deren Lock-out-Funktion mit Fernbedienung am Lenkrad, um nerviges Wippen der Federgabel zu minimieren.

Doch bei dem ebenso leichten wie leistungsstarken eMountainbike muss man eigentlich gar nicht aus dem Sattel gehen – und sollte es wegen des gleichmäßigen Kurbelns auch nicht. Spielerisch locker beschleunigen wir aus dem Stand binnen weniger Meter bis zur Höchstgeschwindigkeit und selbst wenn man an steilen Anstiegen unter 25 km/h zurückfällt, lässt man „Bergziegen“ regelrecht stehen und verwundert hinterher sich. Da ist es wieder – das eBike-Erlebnis – preislich liegt das Haibbike HardSeven Carbon Pro mit zweitbester Ausstattung (Shimano XT, Magura MT 6 und Schwalbe Rocket Ron EVO) für 5.499 Euro auf jeden Fall im Highend-Bereich und über eFullys von Haibike oder anderen Herstellern.