02. 03. 2016 | Christian Sauer | Testrides
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Mercedes-AMG SL 65 Drivers Club Germany
Drivers Club Germany testete im sonnigen Kalifornien den überarbeiteten Hardtop-Roadster. Warum sein Achtzylinder selbst dem noch stärkeren und teureren Zwölfzylinder die Show stiehlt, klärt unser Fahrbericht.

Wow – was für eine Power, was für ein Sound – da können selbst die Motorfahrer mit ihren Supersportlern nur den Daumen hochhalten, nachdem ich sie mit dem neuen Mercedes-AMG SL 63 auf einer kurvigen Landstraße abgehängt habe. In Sachen Beschleunigung auf der Gerade hat mein 585 PS starker V8-Bolide trotz Race Start (Launch Control) und nur 4,1 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h gegen die Zweiräder kaum eine Chance, aber schon vor der ersten Kurve ändert sich das Bild. Nicht, dass Ducati und Co. keine guten Stopper hätten, aber mit den optionalen Carbon-Keramik-Bremsen im Durchmesser einer Familienpizza kann ich eben noch später den Anker werfen. Dann heißt es, den Kurven-Scheitelpunkt anvisieren und zielgenau einlenken. In diesem Moment beweist sich, dass die Entwickler am Firmensitz von Mercedes-AMG in Affalterbach bei Stuttgart und auf der Nürburgring-Nordschleife ganze Arbeit geleistet haben. Der vorher schon sehr dynamische 63er der siebten SL-Generation (R 231) surft dank technischem Feinschliff nun noch ein Quäntchen direkter durch Kurven. So handlich und leichtfüßig er sich durch die engen Kehren peitschen lässt, sind die mindestens 1.845 kg Leergewicht fast vergessen.

 

Selbst wenn der heutige SL der Namensbedeutung „super leicht“ seines Urahnen, dem 300 SL Flügeltürer aus den 1950er Jahren, in Sachen Gewicht nicht mehr gerecht wird, wurden trotz immer schwererer Luxus- und Sicherheits-Ausstattung mit großem Aufwand wieder ein paar Kilo eingespart. Zusätzlich zum ebenso leichten wie verwindungssteifen Aluminium-Rohbau sind dank Alu-Fahrwerkskomponenten die ungefederten Massen reduziert. Davon profitiert nicht nur die Agilität, sondern auch das Ansprechverhalten des adaptiven Federungs- und Dämpfungssystem Active Body Control (ABC). Im SL 63 gibt es dies exklusiv als Performance-Variante mit strafferem Charakter auf Knopfdruck. Per AMG Dynamic Select stehen insgesamt fünf Fahrprogramme zur Wahl, die neben dem Fahrwerk beispielsweise auch die 7-Gang-Sportautomatik mit schnellen Gangwechseln und Schaltpaddel beeinflusst. Während sich der SL im Comfort-Modus entspannt und geschmeidig gibt, verwandelt er sich in „Sport“ oder „Sport Plus“ und vor allem in „Race“ zum potenten Dynamiker. Außerdem lassen sich das Setup individuell konfigurieren und das ESP in drei Stufen ein – oder zum Driften sogar komplett ausstellen.

Den Spaßfaktor erhöhen im Hinterland von San Diego mit engen Canyons die Zwischengasfunktion beim Runterschalten und generell der brachiale V8-Sound aus den vier Endrohren. Jeden Gasbefehl honoriert der typisch für AMG von einem Monteur in Handarbeit zusammengebaute Achtzylinder mit einer spontanen Leistungsexplosion. Aus 5,5 Litern Hubraum holt der bekannte Biturbo enorme 900 Nm Drehmoment, die ab 2.250 Touren an die Hinterachse gewuchtet werden. Dort sorgt ein mechanisches Sperrdifferenzial für optimale Traktion und weniger Schlupf am kurveninneren Rad ohne Bremseingriff, wodurch früher aus Kurven herausbeschleunigt werden kann. Wie es sich für einen Sportwagen gehört, fahre ich mich in einen Rausch: Die sehenswerte Western-Landschaft fliegt regelrecht an mir vorbei und ich bin froh, nicht Bekanntschaft mit einem Sheriff samt (Laser-)Pistole zu machen. Bevor der Gesetzeshüter mich in die Mangel nimmt, halte ich besser wieder das Tempolimit von unter 90 km/h auf Landstraßen ein und lasse mich stattdessen lieber von den Multikontur-Sportsitzen festsetzen. Deren Seitenhalt ist individuell einstellbar, Sitzheizung und Belüftung sowie verschiedene Massage-Programme bieten bei aller Sportlichkeit des Zweisitzers gleichzeitig den Komfort einer Limousine. Nicht nur bei Autos mit offenem Verdeck würde ich mir den Airscarf wünschen, der als Nackenheizung den Schal ersetzt. In Verbindung mit dem elektrisch ausfahrbaren Windschott könnte ich so mit knapp über 100 km/h auf dem Highway dahingleiten, ohne dass im luxuriösen, aber im Vergleich zum Vorgänger kaum veränderten Cockpit mit klassischen Rundinstrumenten, ein Sturm aufzieht.