30. 12. 2015 | Christian Sauer | Testrides
Close

Porsche Cayman GT4   Drivers Club Germany
Christian Sauer testete für Drivers Club Germany eines der aktuell sportlichsten Modelle von Porsche, das auch abseits von Rundstrecken auf öffentlichen Straßen eine gute Figur macht.

Nach seiner Geburt in den 1990er Jahren wurde der Boxster mit Stoffverdeck und später der Cayman als sein Coupé-Derivat oft als „Frauenauto“ verspottet. Für viele Enthusiasten stand zudem fest, dass die Einstiegsmodelle den Vergleich zum 911er – der Ikone der Traditions-Marke – nicht gewinnen konnten. Doch als die aktuelle Generation 2012 präsentiert wurde, änderte sich das Bild deutlich und spätestens jetzt mit dem GT4 sollte sich der Irrglaube endlich erledigt haben.

 

Wie die früheren Versionen des 911 GT3 soll der Cayman GT4 die Rolle des kompromisslosen und reinrassigen Sportlers spielen, mit dem man(n) am Wochenende regelmäßig Ausflüge zu Rundstrecken unternimmt und dort nahezu unendlichen Fahrspaß „erfährt“. Seine Ambitionen beweist der bis dato stärkste Cayman schon auf den ersten Blick: tiefergelegte Karosserie mit Bugspoiler und schwarzer „Lippe“ knapp über dem Asphalt, große Lufteinlässe an der Front und den Flanken, 20-Zöller mit 295er Pneus hinten, zwei mittige Auspuffrohre und zum krönenden Abschluss der feste Spoiler im Theken-Format. Porsche beteuert, dass es dabei um mehr als bloße Optik geht und jede Form einer Funktion folgt. Natürlich sorgt das aufwendige Aerodynamik-Paket für mehr Abtrieb und Traktion als bei den anderen Cayman-Varianten mit ausfahrendem Heckspoiler, aber etwas Show darf beispielsweise an der Einfahrt zur Nürburgring-Nordschleife nicht fehlen. Im Kreise der ambitionierten Hobby-Rennfahrer verzichten GT4-Piloten sicher gerne auf Understatement. Sie haben auch keinen Grund zur Zurückhaltung, schließlich zeigt ihr 385 PS starkes Tracktool mit einer beeindruckenden Rundenzeit von 7:40 Minuten so manch‘ anderen nominell stärkeren Boliden die Rücklichter.

 

Einen großen Anteil daran hat der vom Porsche 911 Carrera S abgeleitete 3,8-Liter-Sechszylinder ohne Turboaufladung. Der Saugmotor versteckt sich zwar unsichtbar direkt zwischen Cockpit und hinterem Gepäckabteil, ist aber ein Glanzstück und stellt die bisherige Top-Motorisierung Cayman GTS samt 340 PS in den Schatten. Wie seine schwächeren Brüder mit kleinerem Hubraum erreicht der GT4 seine maximale Leistung erst bei 7.400 Touren. Das auf 420 Nm erstarkte Drehmoment liegt zwischen 4.750 und 6.000 an. Die Werte weisen schon darauf hin, dass das kompakte Alu-Triebwerk mit Trockensumpfschmierung anders hoch gedreht werden will. „Old School“ mag vielleicht der (vorläufige) Verzicht auf ein automatisiertes Getriebe mit Schaltpaddel wirken, aber nicht nur Traditionalisten werden an der 6-Gang-Handschaltung ihre Freude habe. Also Schlüssel typisch Porsche links vom Lenkrad nach rechts gedreht und gut hingehört. Mit heiserer Stimme meldet sich der Boxer bereit zum Dienst und verstummt per Knopfdruck für den zweiflutigen Sportauspuff zum Glück nicht direkt wieder. Die Kupplung ist gut dosierbar, die Schaltwege extrem kurz – erster Gang – los!

 

Selbst ohne Launch-Control sprintet der GT4 untermalt vom röhrenden Boxer-Sound vehement los. Porsche gibt 4,4 Sekunden bis 100 km/h und 14,5 auf Tempo 200 an. Zwar „verfehlt“ er um 5 km/h die magische 300er Marke, aber um Topspeed geht es bei ihm nicht primär. Vielmehr macht das nahezu perfekte Zusammenspiel von Beschleunigen, Bremsen, Lenken und Schalten seinen besonderen Reiz aus. Wer die Sport-Taste in der Mittelkonsole drückt, bekommt als Belohnung bei jedem Runterschalten automatisches Zwischengas inklusive lautstarker Rückmeldung aus den zwei Endrohren. Einen weiteren Knopf beansprucht das adaptive PASM-Fahrwerk mit generell schon straffer Abstimmung und nochmal härterem Sportmodus für maximale Querbeschleunigung. Insbesondere für den Einsatz auf der Piste wurde das Fahrwerk aufwendig überarbeitet und sogar mit Komponenten vom GT3 verfeinert. Manuell lassen sich Höhe, Sturz und Spur für das optimale Setup individuell einstellen. Das dynamische Getriebelager und Porsche Torque Vectoring (PTV) samt Hinterachs-Quersperre agieren unauffällig aber effektiv im Hintergrund. Durch die schier unendliche Traktion bei Trockenheit bekommt das zweistufige und komplett deaktivierbare Stabilitätsprogramm (PSM) beim Hecktriebler nicht viel zu tun. Dafür sorgen auch die Pilot Sport Cup 2 Semislicks von Michelin mit mehreren Gummimischungen für die Lauffläche. Viel Komfort bieten sie allerdings nicht und verlangen bei Nässe viel Zurückhaltung.