Seat Tarraco FR

08.11.2021 | Christian Sauer | Testrides

Wir testen die sportliche Topausstattung des großen SUVs mit dem stärksten Benziner. Ist er vielleicht sogar der bessere Tiguan?

Während Cupra innerhalb des Volkswagen-Konzerns als eigenständige Performance- und zukünftig als reine Elektromarke mächtig Fahrt aufnimmt, ist es um Seat vergleichsweise ruhig geworden. Ob dies wie von einigen Insidern schon auf das Ende der Traditionsmarke mit spanischen Wurzeln hindeutet, sei dahingestellt. Abgesehen von der neuesten Generation des Leon und der sukzessiven Einführung von Hybridantrieben gab es zumindest produktseitig in den letzten Monaten nicht viel neues. Vielleicht ist das vorerst auch gar nicht nötig, schließlich verkaufen sich vor allem die drei SUV-Modelle Arona, Ateca und Tarraco weiterhin gut. Optisch und technisch werden sie entsprechend des Konzern-Baukastens regelmäßig aufgefrischt, doch ob sie jeweils direkte Nachfolger bekommen oder mitsamt der Marke Seat in ein paar Jahren vom Markt verschwinden, bleibt abzuwarten. Dabei waren die VW- und Skoda-Derivate bei vergleichbarer Technik und teils emotionalerem Design oft preislich interessante Alternativen.

Das gilt auch für den Tarraco, der mit 4,74 m Länge den normallangen VW Tiguan um rund 25 cm und sogar dessen Langversion um knapp zwei Zentimeter übertrifft. Auch der Skoda Kodiaq bleibt gegenüber dem Tarraco mit ca. fünf Zentimeter zurück. Dementsprechend viel Platz bietet Seats größtes SUV innen: Wer nicht die ausklappbaren Zusatzsitze oder den Hybridantrieb bestellt, bekommt 760 Liter Kofferraumvolumen. Variabel ist die Rücksitzbank längs verschiebbar, geteilt umklappbar und in der Neigung einstellbar. Die Beinfreiheit ist enorm, so dass nicht nur Kinder ihre Beine ausstrecken und sich gegen Aufpreis über Sitzheizung freuen können. Das optionale Panorama-Schiebedach erhellt auf Wunsch den dunkel gehaltenen Innenraum. Farbe ins Spiel bringen die Ambientebeleuchtung sowie im Tarraco FR die roten Nähte der Sportsitze mit Stoff-Leder-Kombination und integrierten Kopfstützen. Sie sind auf der Fahrerseite serienmäßig elektrisch verstellbar und bieten guten Seitenhalt. Wir fanden sie selbst auf langen Fahrten bequem, hätten uns jedoch eine ausziehbare Beinauflage gewünscht. Dafür gibt es gegen Aufpreis die Sport-Komfortsitze. So oder so wird leider keine Sitzbelüftung angeboten.

Dafür setzt die FR-Ausstattung auf bewährte, sportliche Akzente in Alu-Optik und entsprechende Logos bzw. Schriftzüge beispielsweise am handlichen Lenkrad. Etwas kreativer und mutiger hätten die Verantwortlichen bei Seat da unserer Meinung nach aber gern sein können, zumal Möglichkeiten zur Individualisierung – abgesehen von der schwarzen Lederausstattung für die Sport-Komfortsitze – gänzlich fehlen. Auch die Materialauswahl hätten wir uns an der ein oder anderen Stelle hochwertiger gewünscht. Dafür wirkt typisch Volkswagen alles solide verarbeitet und vertraut. Die digitalen 10,25-Zoll-Digitalinstrumente kennen wir von anderen Schwestermodellen aus dem Konzern ebenso wie das Infotainmentsystem mit maximal 9,2 Zoll großem Touchscreen, Android Auto, Apple CarPlay sowie dem BeatsAudio Soundsystem samt neun Lautsprechern und 340 Watt Leistung. Inzwischen fast schon klassisch wirken die Bedienelemente für die Klimaanlage in der Mittelkonsole und der traditionelle Wahlhebel der 7-Gang-DSG Automatik, was sich hinsichtlich der Bedienung in einigen Situationen immer noch als praktisch erweist.  

Per Drehschalter lassen sich u.a. die Gasannahme und Lenkung bis hin zum Sportmodus oder einzeln unabhängig voneinander verstellen. Einen noch dynamischeren Modus gibt es nicht und wahrscheinlich wird das leer über 1,7 Tonnen schwere SUV eher selten auf Rennstrecken bewegt, aber eine größere Spreizung und somit zumindest subjektiv mehr Sportlichkeit hätten wir uns von der FR-Version schon gewünscht. Und wenn wir gerade dabei sind – schade, dass das empfehlenswerte DCC-Fahrwerk mit adaptiven Dämpfern nicht serienmäßig ist. Doch nun genug mit der Kritik, denn der Tarraco bietet nicht „nur“ viel Platz und eine gute Ausstattung, er fährt sich insgesamt sehr angenehm. Die von uns getestete stärkste Variante des bekannten 2.0-Liter-Benziner, der ab 1.600 Touren sein maximales Drehmoment von 370 Nm und bei 5.250 die 245 PS erreicht, lässt als Allrad kaum Wünsche offen. 6,2 Sekunden vergehen beim Sprint aus dem Stand auf Tempo 100 und die Höchstgeschwindigkeit ist mit offiziell 228 km/h mehr als ausreichend. Als Durchschnittsverbrauch gibt Seat rund neun Liter an, was sich mit unseren Erfahrungen deckt. Alternativ ist der Tarraco auch ab 150 PS im 1.5 TSI Benziner, als 2.0-Liter-Diesel mit bis zu 200 PS oder als insgesamt 245 starken Plug-in-Hybrid des Golf GTE bestellbar.

Lobenswert finden wir, dass alle Motorisierungen des Tarraco entweder eher komfortbetont und elegant als Xcellence oder sportlich als FR konfigurierbar sind. Wer außen statt Chrome lieber wie bei unserem Testwagen in Orix Perlweiß graue Designelemente am Kühlergrill, den Außenspiegeln oder rund um die Scheiben möchte, muss also nicht zwangsläufig eine der stärksten Motorisierungen nehmen. Der Heckspoiler sowie „unsere“ zweifarbigen 20-Zoll-Felgen mit 255er Pneus bleiben (gegen Aufpreis) allerdings dem FR vorbehalten. Während die Preise für den günstigsten Tarraco bei 33.020 Euro beginnen, starten die stärkeren Motoren bei über 40.000 Euro durch und enden vollausgestattet mit zahlreichen Assistenzsystemen, Anhängerkupplung usw. bei rund 60.000 Euro. Damit bleibt der Seat mit dem Skoda Kodiaq und dem VW Tiguan vergleichbar, wobei letzterer mit noch längerer Optionsliste und/oder als 320 PS starkem Tiguan R schon eher in einer höheren Liga mit Audi & Co. spielt. Wer ein solides SUV mit viel Platz und ein gutes bis sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis sucht, liegt beim Seat Tarraco auf jeden Fall richtig. Selbst wenn es auch zukünftig keine Cupra-Version geben sollte, würde zumindest das ein oder andere Sondermodell mit individuelleren Details seine Attraktivität weiter steigern.

Und wer noch mehr Informationen zum Seat Tarraco FR – vielleicht auch lieber zum 190-PS-Benziner – haben möchte, kann gern bei Jan von Ausfahrt.tv reinschauen.