Härtetest Alltag: Tesla Model S P85

11.12.2013 | Christian Sauer | Testrides

Tesla Model S Drivers Club Germany

Lange mussten wir warten, nun konnten wir den „Heilsbringer“ der Elektromobilität testen. Kann die viel gelobte Elektro-Limousine die hohen Erwartungen erfüllen? Hier gibt es unseren großen Erfahrungsbericht.

In der Vergangenheit mussten sich schon einige Elektroautos unseren harten Tests stellen: Den Mercedes-Benz SLS AMG Electric Drive scheuchten wir über Rennstrecke von Paul Ricard und mit dem Audi R8 e-tron gingen wir ebenfalls auf abgesperrtem Terrain an die Grenzen ihrer Fahrdynamik und Leistungsfähigkeit.  Deutlich schneller war Drivers Club Germany Chefredakteur Christian Sauer im Spätsommer 2011 für griin.de mit dem Tesla Roadster S unterwegs. Bereits der sportliche Zweisitzer beeindruckte mit einer damals erstaunlichen Reichweite von über 200 km, die natürlich nicht für weite Strecken reichte – die Alltagstauglichkeit stand konzeptbedingt auch nicht im Fokus.

Sein Nachfolger, die Limousine Model S, sollte die sportlichen Eigenschaften des ersten Tesla-Produkts beibehalten und dennoch ein vollwertiges Auto sein. Mit maximal sieben Personen an Bord sollen Distanzen über 350 km rein elektrisch möglich sein. Erste Sitzproben während der Messe in Genf und der IAA waren vielversprechend – dieses Auto könnte der Elektromobilität auch hierzulande zum Durchbruch verhelfen. Seit August wird das Model S nun in Deutschland verkauft. Überschattet wurde die Markteinführung von einigen im Heimatland durch Unfälle in Brand geratenen Exemplaren.

Wir ließen uns nicht von den Negativschlagzeilen abschrecken und nach vielen Monaten des Wartens fruchteten unsere zahlreichen Mails und Telefonate endlich in einer Testmöglichkeit. Die Aufgabe war (eigentlich) ganz einfach – ein Wochenendtrip von Wiesbaden aus mit drei Personen nach Wernigerode im Harz. Die rund 365 km pro Strecke sollten mit der stärksten Version des Model S, P85 genannt, kein Problem sein, oder? Schließlich ermöglichen die 85 Kilowattstunden Batteriekapazität laut Tesla-Website eine geprüfte Reichweite von 502 km.

Los geht es bei Temperaturen um die fünf Grad in Frankfurt, nach München Teslas zweitem Standort in Deutschland. Neben dem kleinen Showroom in der Innenstadt wurde vor wenigen Wochen ein überraschend großer Service-Stützpunkt am östlichen Stadtrand, in direkter Nachbarschaft zahlreicher anderer Automobil-Hersteller eröffnet. Im noch recht karg eingerichteten Empfangsraum erwartet uns ein Modell des Models, bei dem sich der Alu-Unterbau des Model S bewundern lässt und eine übersichtliche Auswahl an Merchandising zu kaufen ist. Deutlich mehr Leben herrscht nebenan in der Werkstatt: Ein Kunde holt gerade seinen Neuwagen ab, ein anderer lässt sich seine Winterräder aufziehen. Die sind wohl derzeit ebenso heiß begehrt wie der Tesla selbst, auf den Käufer fünf bis sechs Monate warten müssen. Zurück zu den Felgen: Wie uns der freundliche und kompetente Mitarbeiter der Niederlassung bei der Fahrzeug-Einweisung erklärt, soll deren geschlossenes Design die Aerodynamik weiter verbessern.

 

Noch überraschter sind wir vom Hinweis, die „Motorhaube“ bitte sehr vorsichtig zu schließen, da sie aus besonders leichtem Aluminium besteht. So zerbrechlich sieht das fast fünf Meter lange und zwei Meter breite Model S gar nicht aus. Da der kompakte, vierpolige Dreiphasenwechselstrom-Induktionsmotor direkt an der Hinterachse positioniert wurde, findet sich allein vorn Platz für 150 Liter Gepäck. Hinzu kommen im Heck enorme 745 Liter, umklappbare Rücksitze vergrößern das Volumen weiter. Auf Wunsch gibt es sogar aus dem Kofferraum-Boden ausklappbare Kindersitze mit Blick nach hinten.

Auf der eigentlichen Rücksitzbank können es sich bis zu drei Erwachsene im edlen Ambiente mit Alcantara, Leder, Holz- oder Carbon-Zierelementen bequem machen – nur die Kopffreiheit ist durch die abfallende Dachlinie eingeschränkt. Durch das Panorama-Glasdach, das trotz fehlendem Sonnenschutz im Sommer die Hitze draußen lassen soll, wirkt das Raumgefühl dennoch luftig.

Wie fast alles im Tesla lässt es sich elektrisch bedienen. Selbst die Türgriffe schnurren bei Annährung des als kleines Model(l)-Autos gestalteten Schlüssels heraus. Neben den wenigen Bedienelementen von Mercedes-Benz rund um das Lenkrad und an diesem, werden sämtliche Funktionen über den riesigen 17-Zoll-Touchscreen in der  Mitte gesteuert. Er ist mit vernetztem Web-Radio und Google Maps sowie Rückfahrkamera (auch während der Fahrt) ein absoluter Eyecatcher und stellt alles andere in den Schatten. Doch wie bewährt er sich im Alltag?

Rund 450 km Reichweite zeigt das Display mit den digitalen Instrumenten für den Fahrer an. Die volle Ladung empfiehlt Tesla wegen stärkeren Energieverlusts nur vor längeren Reisen. Und genau die haben wir vor und fragen vorsichtshalber den Experten, der bei unserer Distanz mit hohem Autobahn-Anteil keine Probleme sieht. Letzter Check, ob wir alle Ladekabel und Adapter mit an Bord haben – Typ 2 (Mennekes) für die meisten öffentlichen Ladesäulen plus ein weiteres Kabel mit Schuko-Stecker für Haushaltssteckdosen und ein roter Adapter für Stark-/Drehstrom – los geht’s.